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«Hunger frisst Zukunft»: Essen wieder schätzen lernen

Die Fastenkampagne nimmt die nächsten drei Jahre das Thema Hunger in den Blick. Den Auftakt macht das Motto «Hunger frisst Zukunft». Das Hilfswerk Fastenaktion kehrt damit zu seinem Kernthema zurück.
Sylvia Stam vom Luzerner Pfarreiblatt hat Fanny Bucheli interviewt, die bei Fastenaktion für die Kommunikation zur Ökumenischen Kampagne zuständig ist.

Sylvia Stam: Nach drei Jahren Klimagerechtigkeit fokussiert Fastenaktion nun auf das Thema Hunger. Warum gerade dieses Thema?

Fanny Bucheli: Hunger ist unser Kernthema: Unser Hauptanliegen ist eine Welt ohne Hunger. Wir widmen diesem einen neuen Dreijahreszyklus. Andererseits bewegt sich bei diesem Thema zu wenig. «Kein Hunger» lautet das zweite der siebzehn Ziele für nachhaltige Entwicklung der Uno. Dieses sollte weltweit bis 2030 erreicht werden. Davon sind wir nicht nur weit entfernt, wir sind auch nicht auf einem sichtbaren Weg einer markanten Verbesserung.

Haben Sie eine Erklärung dafür?
Die Länder, die am meisten dafür tun könnten, sind am wenigsten davon betroffen. Nur wenige Menschen im globalen Norden haben Hunger je selbst gespürt. Die Lösung des Hungers im globalen Süden ist weit weg. Hinzu kommen wirtschaftliche und politische Gründe, die zu ändern viel Kraft brauchen wird.

«Hunger frisst Zukunft» lautet der Slogan. Wie ist das zu verstehen?
Wir sprechen von Hunger und vom versteckten Hunger, der durch Mangelernährung entsteht. Beides raubt zukünftigen Generationen die Chancen auf eine Zukunft. In vielen Gemeinschaften im globalen Süden essen Menschen durchaus genügend Reis oder Maniok. Das nährt sie vorübergehend, aber es sind Kalorien ohne Nährstoffe. Es fehlt an Vitaminen, Mineralstoffen, Folsäure etc. Hier sprechen wir vom versteckten Hunger.

Was sind die Folgen?

Die Folgen zeigen sich vor allem bei Kindern. Wenn sie diese Nährstoffe nicht zu sich nehmen, kann das zu Problemen in der körperlichen und geistigen Entwicklung führen, etwa zu Konzentrations- und Lernschwierigkeiten. Das erschwert es, eine Ausbildung zu absolvieren, sodass die Person weiterhin in Armut leben wird – ein Teufelskreis. Darum frisst dieser Hunger tatsächlich die Zukunft ganzer Generationen.

Auf dem Bild ist allerdings eine Ärztin abgebildet.

Das Bild zeigt die senegalesische Ärztin Fatima Mbacke. Sie verkörpert den Traum vieler Kinder, einen Beruf zu lernen. Als Kind sah sie Ärztinnen mit weissen Kitteln und wie diese Menschen helfen konnten. Ihre Familie litt keinen Hunger, daher konnte sie zur Schule gehen. Ihr Traum ist wahr geworden.

Ändert sich daran etwas, wenn ich regionale Früchte und Gemüse kaufe, wie Fastenaktion empfiehlt?
Ja, denn damit untergraben wir die Machtposition der grossen Agrarkonzerne. Je weniger Druck die Konzerne auf die lokale Bevölkerung ausüben, desto mehr Chancen hat diese, ihre lokalen und saisonalen Produkte für die eigene Gemeinschaft anzubauen statt für uns im Norden.

Im Kalender zur Fastenaktion geht es auch ums Fasten. Ist es nicht zynisch, freiwilliges Fasten mit dem Hunger im globalen Süden in Verbindung zu bringen?

Natürlich fasten Menschen hier freiwillig und zeitlich begrenzt. Das darf man nicht mit hungernden Menschen gleichsetzen. Beim Fasten steht das Hungergefühl auch nicht im Zentrum, sondern die Öffnung für andere Dimensionen. Es macht einen sensibler für andere, auch für das Leiden anderer. Wenn man das Fasten bricht, nimmt man Nahrungsmittel oft ganz anders wahr, etwa wie lecker eine Kartoffel schmecken kann. Fasten führt somit zu einer Wertschätzung der Nahrungsmittel.

Das Hungertuch 2025 zeigt die Erde als Brot. Bild: HEKS / Fastenaktion

Das neue Hungertuch hingegen kann durchaus provokativ gelesen werden: Die Erde ist ein Brot. Der globale Süden ist nicht sichtbar. Der globale Norden frisst also den Süden auf. Kann man das so deuten?
Durchaus. Der Norden liegt im Sonnenschein, der Süden ist eine dunkle Wüste und gleichzeitig das Brot, denn der Süden nährt den Norden. Messer und Gabel sind einerseits eine Einladung zum Essen, aber gleichzeitig eine Bedrohung für den globalen Süden. Als Menschen sind wir gezwungen, Lebensmittel zu produzieren. Aber können wir das, was auf der Welt produziert wird, essen, ohne dass wir die Erde selbst anschneiden oder verletzen? Das Hungertuch soll solche Fragen aufwerfen.


Von Aschermittwoch bis Ostern (5.3.–20.4.) beleuchtet die ökumenische Kampagne, wie durch Hunger und Unterernährung die Zukunft ganzer Generationen gefährdet wird. 2023 litten weltweit rund 733 Millionen Menschen Hunger, 2,8 Milliarden konnten sich keine gesunde Ernährung leisten. Mit Informationen und Handlungsempfehlungen möchte die Kampagne dem Hunger entgegenwirken. www.sehen-und-handeln.ch