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«Jeder Mensch ist es wert, mit ihm neue Lebensperspektiven zu entwickeln»

Seit dem 1. November 2024 ist Franca Dalchow die neue Leiterin der Beratungsstelle «Leuchtturm, Diakonie & Soziales» der Katholischen Kirchgemeinde Zug. Zuvor arbeitete sie über 20 Jahre vorwiegend im Justizvollzugsbereich. Was motivierte die 43Jährige, nun im kirchlichen Bereich Menschen in herausfordernden Lebenssituationen zu begleiten? Das und Weiteres erzählt die gebürtige Berlinerin im Interview.

Franca Dalchow (r.) sucht nach Lösungen, um der Klientin zu helfen (nachgestellte Szene). Foto: Melanie Schnider

Wohlwollend schaut Franca Dalchow der Klientin ins Gesicht. Das Gespräch fällt der jungen Frau zunächst nicht leicht. Doch Franca Dalchow hört aufmerksam zu, als ihr die Klientin von den vielen Herausforderungen ihres Lebens erzählt. Dalchow macht sich einige Notizen, ermutigt die junge Frau und reicht ihr eine Broschüre – eine erste Hilfe zur Selbsthilfe. So oder ähnlich sieht eine Szene eines Beratungsgesprächs im Leuchtturm aus. Der Leuchtturm ist eine Beratungsstelle der Katholischen Kirchgemeinde Zug, die Menschen im Kanton Zug unabhängig von ihrer Herkunft, sozialem Stand, ihrer Religion oder Weltanschauung offensteht. Das Team des Leuchtturms unterstützt Menschen in herausfordernden Lebenssituationen. Seit dem 1. November 2024 ist Franca Dalchow die neue Leiterin des Leuchtturms. Zuvor arbeitete sie über 20 Jahre grösstenteils im Justizvollzugsbereich, zunächst als Sozialpädagogin, dann als Vollzugskoordinatorin.

Warum haben Sie sich entschieden, nach den beiden Jahrzehnten im Vollzugsbereich zu einer kirchlichen Beratungsstelle zu wechseln?
FRANCA DALCHOW: Über 20 Jahre habe ich grösstenteils im Zwangskontext gearbeitet, meist mit kriminellen, teils drogenabhängigen Jugendlichen oder jungen Erwachsenen in Heimen, Strafanstalten, aber auch der Jugendgerichts- und Jugendbewährungshilfe. Dieses Setting war immer besonders und ich stellte mich diesem gern. Gleichzeitig habe ich nach den vielen Erfahrungen das grosse Bedürfnis verspürt, mich selbst nochmals weiterzuentwickeln.

Was hat Sie neben der persönlichen Weiterentwicklung besonders für die Leitungsstelle des Leuchtturms motiviert?

Ich achte Menschen und interessiere mich sehr für sie und ihre Lebensgeschichten. Wer sie sind, wie sie leben, was sie brauchen und wie ich sie unterstützen kann. Jeder Mensch war und ist es mir wert, mit ihm neue Lebensperspektiven zu entwickeln. Zudem macht es mir grosse Freude, ein Team leiten zu dürfen. Das Herzblut des Leuchtturm-Teams spüre ich jeden Tag.

Mit welchen Herausforderungen kommen die Menschen aus dem Kanton Zug zu Ihnen?

Die Herausforderungen sind ganz vielfältig. Menschen suchen unsere Beratungsstelle mit Anliegen in folgenden Bereichen auf: Arbeit und Arbeitslosigkeit, psychische und physische Gesundheit, Problemstellungen in Familien und Beziehungen, Sucht sowie finanzielle Unterstützung in Notlagen. Oft geht es auch um alltagspraktische Themen. Wenn es beispielsweise jemand nicht mehr schafft, über Wochen die Post zu öffnen oder sich Behörden zu stellen. Der Leuchtturm unterstützt dabei, lässt die Hilfesuchenden jedoch autonom handeln. Was auffällt, die Probleme werden immer komplexer und setzen sich aus mehreren Faktoren zusammen.

Was könnte ein Grund für die immer komplexer werdenden Herausforderungen sein?

Unsere Gesellschaft ist sehr schnelllebig. Themen wie Leistungsdruck, Alltagsbewältigung, inflationärer Wohnungsmarkt, Social Media und politischer Wandel fliessen ineinander. Was unsere Gesellschaft benötigt, ist Stabilität.

Welche Entwicklungen wünschen Sie sich für den Leuchtturm in den kommenden Jahren?

Unser Ziel ist es, im Kleinen Grosses zu bewirken und Unterstützung und Stabilität zu bieten. Zudem möchte ich unsere Angebote ausbauen und unseren Bekanntheitsgrad erhöhen. Denn schon Mahatma Gandhi sagte treffend: «Die Zukunft basiert auf dem, was wir heute tun.»

Franca Dalchow verbringt ihre Freizeit oder ihre Mittagspause gerne am Zugersee. Foto: Melanie Schnider