Anlässlich des Weltfrauentages lud die Zuger Frauenzentrale sechs beeindruckende Persönlichkeiten zu einer Living Library ein: eine Klosterfrau, eine Traderin, eine Spitzensportlerin, eine Aromatherapeutin, eine Leiterin der Bewährungsdienste und eine Sexualtherapeutin. Was genau eine Living Library ist, und welche faszinierenden Einblicke die Besuchenden erhielten, erfahren Sie in diesem Artikel.
Starke Frauen spielen in der Bibel eine zentrale Rolle. Ein herausragendes Beispiel ist Maria, die Mutter Jesu, ohne die es das Christentum nicht geben könnte. Oder Debora, die als Richterin Israels mittels kluger Kriegstaktik einen Krieg beendete. Auch die Königin Ester, die einen geplanten Völkermord an unzähligen Jüdinnen und Juden verhinderte, ist ein weiteres eindrucksvolles Beispiel. Trotz dieser und vieler anderer bedeutender Figuren haben Frauen in der katholischen Kirche sowie in der Wirtschaft und Gesellschaft noch immer nicht denselben Stellenwert wie Männer. Auf diesen Missstand weisst der Weltfrauentag hin, der jedes Jahr am 8. März gefeiert wird. Zu diesem Anlass organisierte die Frauenzentrale Zug eine besondere Veranstaltung: eine Living Library. «Wir wollten ein Format finden, bei dem Menschen miteinander ins Gespräch kommen, Fragen stellen können und so Vorurteile abbauen können», erklärte Alice Keller, Vorstandsmitglied der Frauenzentrale Zug und Organisatorin der des Anlasses.
Ein Nachmittag voller Geschichten und Begegnungen
An der Living Library zum Weltfrauentag konnten die Besuchenden mit sechs aussergewöhnlichen Frauen ins Gespräch kommen: der Klosterfrau Sr. Mattia Fähndrich, der UBS-Traderin Xenia-Sarah Meier, der Sexualtherapeutin Simone Haug, der Spitzensportlerin Nalani Buob, der Leiterin der Bewährungsdienste Obwalden Vanessa Krüger und der Aromatherapeutin Ursula Voneschen. Die sechs Frauen sassen am Samstagnachmittag, 8. März im Brocki Zug. Die Teilnehmenden hatten die Gelegenheit, sich zu ihnen zu setzen, zuzuhören und Fragen zu stellen. «Warum hast du dich für ein Leben im Kloster Heiligkreuz entschieden?», fragte beispielsweise eine Besucherin Priorin Sr. Mattia Fähndrich.
So erzählte Fähndrich von ihrer Entscheidung zwischen einem Leben als Entwicklungshelferin oder als Nonne. «Ich habe damals beides ausprobiert: Ich besuchte für eine Woche eine Mission in Tansania. Auch ins Klosterleben schnupperte ich hinein. Bei letzterem wusste ich sofort: Das kann ich mir für längere Zeit vorstellen», erzählte sie. Inzwischen sind 38 Jahre vergangen und noch immer schätze sie die vielen Kleinigkeiten des alltäglichen Klosterlebens.
Von einem ganz anderen Leben berichtete Simone Haug, Sexualtherapeutin bei eff-zett – das fachzentrum und in ihrer eigenen Praxis am Spital Limmattal. Gemeinsam mit den Besuchenden der Living Library philosophierte sie über die gängigen Bezeichnungen der Geschlechtsorgane. «Lange Zeit bezeichneten wir den weiblichen Intimbereich als ‹Scham›, während Männer meist stolz auf ihr Geschlechtsteil sind. Es ist mir wichtig, Frauen zu ermutigen, ihren Intimbereich mit weniger Abscheu zu betrachten.» Sie riet dazu, statt von «Schamlippen» lieber von «Vulva-» oder «Geschlechtslippen» zu sprechen. Statt «Schamhaare» besser «Intimhaare» zu sagen und die Menstruation nicht als «schmutzig» zu bezeichnen, sondern als natürliche Reinigung des Körpers zu verstehen.
«Ich habe nicht die Macht, das zu verändern»
Eine weitere Lebensgeschichte hörten die Besuchenden von Nalani Buob. Sie ist nicht nur Rollstuhltennisspielerin, sondern auch eine der Spitzensportlerinnen im Swiss Paralympic-Team. «Die Paraolympiade erhält in unserer Gesellschaft leider nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie die Olympischen Spiele», sagte Nalani Buob. Das mediale Interesse sei weiterhin gering, oft kämen nur wenige Zuschauende zu den Wettkämpfen. «Ich habe nicht die Macht, das zu verändern, aber ich kann darauf aufmerksam machen und so etwas zur Veränderung beitragen.» Die Teilnehmenden der Living Library waren beeindruckt von der Stärke der jungen Frau und führten die Diskussion weiter.
Doch warum wählte die Frauenzentrale Zug Nalani Buob, Simone Haug, Mattia Fähndrich, Vanessa Krüger, Ursula Voneschen und Xenia-Sarah Meier aus? «Wir haben uns vor der Living Library im Team gefragt, was Frauen besonders gut können», berichtete Alice Keller. Dabei seien sie auf bestimmte Stärken gekommen wie etwa den bewussten Umgang mit Geld. «Deshalb haben wir Xenia-Sarah Meier eingeladen, die erfolgreiche Traderin bei der UBS ist», fügte Alice Keller an. Die stark ausgeprägte Sinneswahrnehmung vieler Frauen verkörpert die Aromatherapeutin Ursula Voneschen. So stehe jede der sechs Frauen für eine besondere Stärke, so Keller.
Das sagten die Teilnehmenden
Einer der Besuchenden der Living Library, Florian Rathgeber, meinte: «Ich bin heute hier, weil ich den Weltfrauentag unterstützen möchte. Es ist nicht nur die Verantwortung von Frauen, auf Missstände aufmerksam zu machen, sondern auch von Männern. Ich möchte Verantwortung übernehmen und etwas ändern.» Die Besucherin Leonie Ambühl fügte hinzu: «Heute habe ich ein Video auf Instagram gesehen, in dem Rosen zum Weltfrauentag verteilt wurden. Doch wir brauchen keine Rosen, sondern Gerechtigkeit.»